Aussteiger machen dem Psychokult mit
Kursen zu Dumpingpreisen zunehmend Konkurrenz
... Ob es sich um einen "Freundeskreis" handelt, wie
bei der Gruppe um Tavarez, oder ob sie sich in einem eingetragenen
Verein namens "Freie Zone" mit Sitz in Bayern organisieren
- eine ständig wachsende Gruppe von Aussteigern wird für die
selbsternannte Scientology-Kirche zu einer ernsthaften Bedrohung.
Den Ehemaligen ist eines gemeinsam: Sie lehnen den Kult als
"totalitär" ab, halten aber an Hubbard fest, weil sie
"in seiner Philosophie und in den Techniken Wertvolles"
sehen. So erklärt es die Schweizer Ex-Scientologin Silvia S., die
in Walchwil am Zugersee ein "Beratungscenter" führt
-Treffpunkt für zahlreiche Hubbard-Anhänger aus
Südwestdeutschland.
Die Aussteiger vermitteln die Hubbard-Lehren vergleichsweise zu
Dumpingpreisen: Anhänger der Freien Zone bieten eine
Auditing-Sitzung - eine Mischung aus Gesprächstherapie und Verhör
am Meßgerät E-Meter - für 100 Mark. Scientology berechnet dafür
nahezu 600 Mark pro Stunde. Bis zu einer halben Million Mark muß
dort investieren, wer die höchsten Grade der umstrittenen
Psychogruppe erreichen will. Die Scientology-Beauftragte des
Hamburger Senats, Ursula Caberta, sieht in den günstigen
Konkurrezangeboten "das kleinere Übel", das den Absprung
aus dem Sektenkonzern erleichtern könne. Diese Meinung vertritt
auch der Sektenbeauftragte der evangelischen Kirche in Berlin
Brandenburg, Thomas Gandow. Als "Durchgangsstation" auf
dem Weg zurück in ein normales Leben sei die Freie Zone
"okay". Aber Gandow warnt: "Wer glaubt, er bekomme
dort den positiven Hubbard, der irrt. Als Therapie sind seine Lehren
ein Irrweg, "
Die Abtrünnigen warten aber nicht nur auf Aussteiger, sondern
behaupten, sie wollten den Psychokult auch aktiv schwächen. In
einer Briefaktion wandten sich Anfang der 90er Jahre Silvia S. und
Ruedi M, an ihnen bekannte Scientologen in Deutschland und der
Schweiz und versuchten, sie auf ihre Seite zu ziehen.
Doch nicht nur um Anhänger konkurrieren Sekte und Aussteiger.
Freie-Zone-Organisator Bernd L., der seinen vollen Namen aus Furcht
vor Nachstellungen der Scientology-Organisation nicht
veröffentlicht sehen möchte, hat noch einen Pfeil gegen
Scientology im Köcher: Mitglieder der Freien Zone haben die Rechte
an einem 1934 erschienenen Buch erworben, das von dem Deutsch-Argentinier
Anastasius Nordenholz geschrieben wurde und den Titel
Scientologie" trägt. Damit besitzen Leute aus der Freien
Zone auch das Copyright für die deutsche Schreibweise des
Sektennamens. "Durchaus denkbar", fabuliert Tavarez, der
über seine Erfahrungen im Hubbard-Kult ein Buch veröffentlicht hat
("Versklavte Seelen"), "daß die Freie Zone sich bald
als Kirche der reformierten Scientologie" bezeichnen darf.
VEREIN FÜR AUSSTEIGER
Die "Freie Zone" wurde von Bill Robertson gegründet,
einem hochrangigen Scientologen, der 1982 den Kult verließ.
Anhänger der Freien Zone halten an den Lehren Hubbards fest, lehnen
aber Scientology als Organisation ab. Die Mitglieder kommunizieren
hauptsächlich übers Internet